Zwischen Feminismus und Alltag

Joanne gähnte. 10:45 zeigte die große Digitaluhr an. Sie gähnte nochmal ausgiebig. 10:45? 10:45! Joanne hatte wie immer ihren Kochkurs vergessen. Wieso mussten die auch immer Samstags Mittags sein? Und weshalb muss der Schulungsraum ausgerechnet im Stadtzentrum sein? Da wohnt doch keiner der Kursteilnehmer und der Kursleiter auch nicht. Den einzigen Vorteil den Joanne an dem Schulungsraum im Stadtzentrum sehen konnte war, dass man schnell zum nächsten Restaurant kam.
Genießbar waren die Speisen die sie da im Kurs kochten nun wirklich nicht. Irgendwie hatte der Fisch beim letzten mal zwar kein Gramm Fett oder eine einzige Grete, er war dafür aber auch komplett geschmackslos.

Sie hastete zum Bad und tippte wählte auf dem Touchscreen “Vanilla-Bad-Mega-Vital” aus. Etwas Wasser begann aus der Dusche zu tropfen und begann dann ein Strahl zu werden. Sie duschte schnell. “Vielleicht bekomme ich noch pünktlich nen Rail-Cab. Aber um kurz nach Elf muss man immer ewig warten…”. Das waren die Momente wo sie nicht verstand wieso man damals im Jahr 2050 den kompletten Individualverkehr abgeschafft hatte. Bestimmt hatte irgend’ so ein Stahlkonzern nur nen’ neuen Markt gesucht. Ein ganzes Straßensystem durch Eisenbahnschienen ersetzen – innerhalb weniger Monate? Das muss ‘ne ganze Menge Gewinn geliefert haben.
Sie blickte wieder nervös auf die Uhr 11:10. “Was soll’s. Ich ruf mir nen’ Rail-Cab!”, schnautzte sie in Richtung ihres Spiegels im Bad, der allerdings keine Reaktion zeigte.

Da stand sie vorm Haus noch nervöser und zittriger als ohnehin schon war, suchte sie hektisch nach ihrem United-Mobile-Services-Accessoire-Handheld. Wie viel Uhr es wohl war? Wie lange wartete sie wohl? Wo war denn der verdammte Handheld. Doch bevor sie den Handheld gefunden hatte kam auch schon das Rail-Cab. Der Rail-Cab-Wagen war mit verschiedenen Graffitis bedeckt. Ebenso der Schalter zum Öffnen des Wagens. Sie musste zweimal hinschauen bis sie eine kleine, aber recht hell unter dem Graffiti hervor leuchtende, OLED sah. Die Schalter befanden sich aber auch bei fast jedem Wagen woanders. “Wie das wohl Leute machen, die es sich nicht leisten können die Augen lasern zu lassen?”, fragte sie in ihr Unterbewusstsein hinein. Eigentlich wusste sie die Antwort aber erneut darüber nachdenken wollte sie ebenfalls nicht. Sie hatte sich wegen solchen Themen schon viel zu oft den Kopf zerbrochen und nächtelang nicht schlafen können.

Sie setzte sich endlich in den Wagen, der augenblicklich los fuhr. Die Fahrt dauerte nicht als zu lang, obwohl die Strecke recht lang war. Das Stadtzentrum und der Wohnort lagen soweit auseinander, das man damals im Jahre 2000 noch die Benelux-Staaten hätte dazwischen packen können. Heute war gehörte alles zu einer Kreis-Stadt.

“Ah, Joanne – da bist du ja endlich!”. Luise, ihre beste Freundin wartete am Eingang auf auf sie. Luise hatte sich auch für den Kochkurs eingeschrieben. “Wir können doch nicht alles den Männern überlassen. Das ist ja wie damals 1960. Joanne, erinnerst du dich an die Geschichtsstunde? Da durften die Frauen keine Jobs annehmen ohne die Genehmigung von ihrem Ehemann… Und heute können Männer dank der neuen Maschinen kochen, aber wir nicht mehr? Pah!”. So waren sie da beide in den Kochkurs reingerutscht. Weder Joanne noch Luise konnten wirklich gut mit den neuen Geräten kochen. Eigentlich konnten das kaum Frauen. Noch weniger diejenigen mit wenig Webdesign-Erfahrung.
Aber irgendwann verschwanden halt die alten Herde und Backöfen, von Mikrowellen ganz zu schweigen, vom Markt. Es gab fast überall nur noch diese “neuen” Hypermeal Markup Maker-Kochgeräte. Das waren einfache Kästen, in die ein Display eingelassen war. Zusätzlich hatte man eine Tastatur zur Verfügung.

Die Beiden versanken in ihren Gedanken, bis Jim, der Leiter des Kochkurses sie anschaute. Was soll denn das. Noch nichtmals die Tomatensuppe? Schon setzte er sich an die Tastatur und tippte:

Jetzt nur noch erweitern… Joanne setzte lustlos noch ein paar Attribute und speicherte die Datei unter toscan.recp und ließ den HMM(Hypermeal Markup Maker) die Elemente interpretieren. Nach vier Minuten war der HMM fertig. Jim kam wieder angelaufen. “Ah, ihr beide haben fertig?“, fragte er mit seinem typischen 9te-Generation-Pseudo-Einwanderer-Akzent und probierte die Suppe.
“Da hatte aber jemande an den Attributene gegeizte”.
Aber Joanne hörte ihm eh’ nicht mehr zu. Zu schlecht waren die Aussichten, jemals wieder einen guten Kaffee zu bekommen.

 

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