30 km/h pro Stunde oder wie man es schafft sein eigenes Land besser kennen zu lernen

Ich reise mit der deutschen Bahn. Wie zum Beispiel heute. Das ist nichts besonderes: man lernt nette Mitmenschen kennen, einem ungeläufige Umgangsformen und hört ebenso unbekannte Musik aus dem Handy eines Vorstadtgangsters. Alles wie üblich also… Aber nicht ganz. Noch nie bin ich nur mit 30 km/h vorangekommen. Rein mathematisch gesehen. Rein praktisch gesehen kam ich so gar nicht vorwärts. Doch von vorne:

Los ging meine Reise in Düsseldorf, der Jecken-Landeshauptstadt schlecht hin. Da gibt es viele sympatische Leute, feucht fröhliche Krankenwagenstimmung und dementsprechend gesundheitsfördernde Getränke. Diese werden scheinbar nur gekauft um sie anschließend in U-Bahn, S-Bahn und RE umzuwerfen und die anderen Mitreisenden mit lauten Ausrufen wie “noch ‘nen Körnchen – Uwe!” an der euphorischen Weltuntergangsstimmung teilhaben zu lassen.

Immerhin: Der Zug der Jecken kommt pünktlich, überfüllt und völlig verschmutzt in Hagen an. Eigentlich sollte der Zug noch knapp 60km weiterfahren, doch da wird schon via Durchsage verkündet, dass der Zug doch in Hagen außerplanmäßig enden würde und sich ein Schienenersatzverkehr am Bahnhofsvorplatz befinden würde. Schienenersatzverkehr befindet sich in der Tat am Bahnhofsvorplatz. Dieser ist nur leider etwas teuer und trägt den Namen Taxi. Da man schon ein klein wenig mehr bezahlt hat für seine Fahrt, möchte man nicht noch das 10 Fache für die verbleibende Strecke bezahlen und wartet ersteinmal geduldig auf den von der Bahn versprochenen Schienenersatzverkehr. 30km mit dem Taxi könnten ja doch etwas teuer werden.

Inzwischen hat sich das ohnehin erledigt, da die wenigen Taxis die vor dem Bahnhof standen ohnehin alle fleißig von einkommensstärkeren Reisenden frequentiert wurden. Nach etwa 15 Minuten steht niemand mehr auf dem Bahnhofsvorplatz. Keine Jecken mehr mit ihren gesundheitsfördernden Getränken. Durchatmen. Vielleicht kommt ja der “Schienenersatzverkehr” endlich?
Alleine, an einen Pfosten gelehnt, wird einem doch etwas langweilig. Also ging es zurück zur Bahnhofsvorhalle, wo man im Vorbeigehen einen Service-Schalter mit einer meterlangen Schlange gesehen hatte. Anstellen – zwecklos. Bahn.comfort-Punkte, Bahn-Card25 und Monatstickets der örtlichen Verkehrsunternehmen würden auch da nicht weiterhelfen. Die Sache war einfach, wie ein aufgebrachter Jecke der Menge vor dem verzweifelten Service-Point-Angestellten verkündete: Es gibt einfach noch keinen Schienenersatzverkehr, es stände im Moment einfach kein Fahrzeug und kein Fahrer zur Verfügung. Nix zu machen.

Während die große Masse sich noch vor den Service-Schalter drängt, schaut mach ein listiger Zeitgenosse schon mal auf den Fahrplan. Was ist noch zu machen? Wo kommt man denn noch hin? Fährt der Zug dahin noch einigermaßen pünktlich, fährt der Zug bis zum Ziel durch. Was geht da?
Schlussendlich entschied ich mich, wenigstens meinem Ziel etwas näher zu kommen. Nach Schwerte ging es also für mich und eine junge asiatisch-stämmige, weder deutsch noch englisch sprechender Frau, die durch den stehengebliebenen Zug leicht verwirrt schien. Aber immerhin wirklich nach Schwerte wollte, nicht weiter. Ich hingegen wollte immer noch an mein Ziel: Unna. Schwerte war da schon mal etwas näher und ab Schwerte sollten weitere Züge fahren und außerdem sei ein Schienenersatzverkehr eingerichtet.

In Schwerte ließ erneut der Schienenersatzverkehr für inzwischen etwa fünf Regionalzüge auf sich warten. Selbst wenn ein Bus oder gar zwei gekommen wären – alle Leute, die auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt waren, hätten ohnehin nicht in die Busse gepasst. Von Sitzplätzen, Sitzplatzreservierungen, Kinderwagen, Rollstuhlfahrern und sauberen Toiletten will man erst gar nicht reden.
Doch immerhin: Von Schwerte aus fährt ein Zug weiter nach Dortmund. Geografisch gesehen ist das zwar für mich die falsche Richtung, doch bei der Bahn kommt man mit Logik, Verständnis und Kulanz nicht mehr weit. Dortmund-Hörde, eine paar Haltestellen vor dem dortmunder Hbf steige ich aus. Von dort aus kann ich einen Zug nach Unna nehmen, erinnerte ich mich. Schließlich war bis vor einem Jahr dort für die Fahrt Unna – Dortmund öfter Ersatzverkehr eingerichtet worden, außerdem fährt ein RE planmäßig ohnehin von Dortmund-Hörde nach Unna. Natürlich nicht so heute, den 3.02.2008. Sehr geehrte Damen und Herren, der Re von Dortmund über Dortmund Aplerbeck, Dortmund Flughafen und Unna nach Soest fällt heute leider ersatzlos aus. Vielen Dank für ihr Verständnis, kräkelt es vier Minuten bevor der Zug einfahren sollte aus dem Lautsprecher. Ich schaue den älteren Mann der auch am Gleis 2 steht ratlos an und zucke mit den Schultern.

Wieder begehe ich das alte Spielchen – was fährt wohl noch, was fährt überhaupt in Richtung Unna. Es bleibt nur eine U-Bahn/Straßenbahn die immerhin bis Dortmund-Aplerbeck fährt. Von da aus hätte ich dann eine S-Bahn nach Unna-West oder Königsborn nehmen können. Aber auch da wollte ich eigentlich nicht so recht hin. Da half mir dann nur noch das Telefon, die Bahn hatte schließlich ihre Chance. Außerdem wollte ich noch am gleichen Tag ankommen.
Mich lässt das Gefühl nicht los, dass man inzwischen an einem Tag ans andere Ende der Welt fliegen – oder ein paar Freunde im gleichen Bundesland besuchen kann. Der Zeitaufwand ist der gleiche. Wobei für €29,80 kommt man bei der Bahn günstiger weg. Dafür darf man aber auch Fahrplanauskunft spielen, lernt Leute kennen denen man sich auf der Straße nie näher als ein paar Meter nähern würde und hört die neuste raubkopierte Chart-Musik auf dem Handy des Gegenübersitzenden.

 

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