Bewerbungsgespräch

Guten Tag Herr Musterbewerber, sie sind also unserer Einladung zum heutigen Bewerbungsgespräch gefolgt? Sehr schön, bitte entschuldigen Sie, dass wir uns nur so schlecht im Server-Raum unterhalten können – aber alle unserer anderen Räume sind leider schon von unterbezahlten und unfähigen Praktikanten besetzt. Deshalb brauchen wir Sie! Sie sollen schauen welcher Praktikant etwas taugt und welcher nicht. Unnütze aussortieren und noch produktivere einstellen. Aber zunächst einmal muss ich Sie einstellen und noch prüfen ob Sie überhaupt in der Lage sind der Aufgabe gerecht zu werden. Damit das Gespräch hier nicht zu einseitig wird habe ich hier ein paar Multiple-Choice-Questions. Ganz einfach, ganz easy und schon sind wir gleich bei unserer Arbeit. Also zeigen Sie uns Ihre Hands-On-Mentalität!
Here we go:

1. Frage: Sie sollen Kosten einsparen. Wen feuern Sie zuerst?
[0] Den Chef. Der verdient genau 25x so viel wie alle Praktikanten zusammen.
[0] Niemanden. Kürze aber jedem Angestellten außer dem Chef das Gehalt um 15%.
[0] Alle. Wir „out-sourcen“ alles und verkaufen den Namen unserer Firma an ein asiatisches Joint-Venture.
[0] Alle Mitarbeiter der Buchhaltung, des Controllings, des Rechnungswesens, der Forschung und der Produktion. Geleitet wird der Laden von den Raumpflegern aus Rumänien. Die sind ihre 6€ pro Stunde wirklich wert!

2. Frage: Ein Mitarbeiter will sich gewerkschaftlich organisieren. Wie reagieren Sie?
[0] Nichts. Das ist doch sein gutes Recht sich in einer Gewerkschaft organisieren zu wollen!
[0] Ich gründe eine eigene Gewerkschaft die dem Unternehmen nahe steht. Hat bei der Deutschen Bahn doch auch geklappt!
[0] Ich entlasse den Mitarbeiter bzw. löse das Beschäftigungsverhältnis im gegenseitigen Einvernehmen auf. Räusper.
[0] Gewerkschaften? Ich drohe sofort damit den Betrieb in Deutschland aufzulösen und ins Ausland abzuwandern – sofern eine Gewerkschaft gegründet wird.

3. Frage: Ihr Produkt wird minimal weniger verkauft. Was tun Sie?
[0] Ich schreie den Typen von der Werbe-Abteilung an, wie unfähig er doch wäre und feuer ihn sofort!
[0] Ich gehe eine Kooperation mit Tchibo ein. Die werden doch alles los.
[0] Ich reduziere die Kosten in dem ich Kurzarbeit fordere, Lieferanten weniger zahle. Zudem gebe ich mehr für Werbung aus und mache eine Kooperation mit Tchibo. Ha. Ich bin unschlagbar.
[0] Irgendwann ist der Markt halt einfach gesättigt. Ich stecke mehr Geld in die Forschung. Das ist langfristig.

4. Frage: Sie werden von einem Reporter einer bekannten Zeitung interviewt. Worauf achten Sie besonders?
[0] Meine Krawatte muss gut sitzen.
[0] Nie die Wahrheit zu sagen.
[0] Keine Betriebsgeheimnisse zu verraten, die von der Konkurrenz genutzt werden könnten
[0] Auf die Tränendrüse drücken, der Wirtschaft geht es so schlecht. Der Staat muss helfen. Denn nur mit einem starken Mittelstand geht es voran.

5. Frage: Was ist Gerechtigkeit?
[0] Wer kein Geld hat, darf auch Morgen keins haben.
[0] Morgenstund hat Gold im Mund. Pünktliche Mitarbeiter bekommen ab sofort 10% mehr Lohn.
[0] Kranke sollen nicht unnötig leiden. Besuche beim Betriebsarzt auch außerhalb der Arbeitsstunden.
[0] Der Chef darf den firmeneigenen Benz fahren, der Praktikant das selbstbezahlte Fahrrad. Für den Chef tut sogar der Staat noch etwas dazu. Völlig in Ordnung.

6. Frage: Sie erhalten eine Kundenbeschwerde, in der es heißt „sie verkaufen uns Kunden doch für dumm“. Wie antworten Sie?
[0] Unsere Produkte sind zielgruppengerecht.
[0] Nicht unsere Kunden, die Menschheit verkaufen wir für dumm.
[0] Wieso haben Sie überhaupt unser Produkt gekauft?
[0] Unser Produkt ist nicht zu beanstanden. Die Packung führt vielleicht etwas in die Irre, aber wer die Inhaltsbeschreibung auf der Rückseite aufmerksam gelesen hat, der weiß was er für ein Produkt kauft.

Herr Musterbewerber? Haben Sie alle Fragen beantwortet? War ja gar nicht so schwer oder – schließlich waren das auch nur sechs Fragen! Einen kleinen Moment bitte und dann kann ich Ihnen sagen ob Sie den Job haben…

Herr Musterbewerber ist ihnen das Wort Multiple Choice Question schon einmal begegnet? Da soll man ankreuzen – keine philosophischen Essays schreiben. Es ist ja schön, das Sie denken, dass Menschen sich in wirtschaftlich akzeptabler Form durchaus gewerkschaftlich organisieren dürfen weil es den Menschenrechten entspricht und außerdem sich positiv auf die Produktivität und Freude am Arbeitsplatz auswirken kann…. aber DIE RICHTIGE ANTWORT wäre die Gründung einer eigenen Gewerkschaft gewesen… und hier beim Interview…. so einen Schmarrn habe ich selten in diesem Test gelesen. Da haben Sie wirklich angekreuzt, es wäre wichtig keine Betriebsgeheimnisse zu verraten… wo glauben Sie haben wir unsere Produktentwicklungen her?

Das hat alles keinen Zweck mit Ihnen Herr Musterbewerber. Ich stecke Sie einfach in das Rechnungswesen, als Praktikant, wird zwar nicht vergütet – aber dank des Firmentickets brauchen Sie für den Weg zur Arbeit nur 95€ pro Monat zahlen – bei einer Praktikumsdauer von 6 Monaten macht das genau 570€. Keine Angst, das ziehen wir monatlich von ihrem Konto ein. Vielleicht lernen Sie bei uns ja auch etwas – und die Bildung muss uns doch in der heutigen Zeit etwas wert sein, oder nicht?