Germany, trick me twice

Steuern, Fachkräftemangel, Jobsuche

“Reichensteuer” und Vermögenssteuern sind wieder Salonfähig und das zu einer Zeit in der die Union an der Regierung beteiligt ist – und weder CDU/CSU noch SDP öffentlich in Erwägung ziehen, die Steuern zu erheben. Verwundert? Noch verwunderter kann man sein, wenn man im Nachhinein feststellt, das Gerhard Schröder unter “Leistungsträger” die entlastet werden müssen, wohl mehrheitlich Besserverdiener verstand. Wer sich das vor Augen führt, ist dann auch kaum verwundert wenn selbst Politiker wie Franz Müntefering (SPD) glaubt, das ein Mann aus den Reihen der Union seiner Partei angehört.
Um die Verwunderung dann perfekt zu machen, muss man sich den Arbeitsmarkt anschauen – und sich großen Deutschen Newsticker durchlesen. So meldete einer der größten Arbeitgeber Deutschlands noch kürzlich 1.500 freie Stellen, zu haben. Zur gleichen Zeit befinden sich vieler der Standorte des Arbeitgebers in Kurzarbeit. Die Rede ist hier von Siemens, doch die Webseite von Siemens bietet weit weniger Stellen – zumindest wenn man nur nach Vollzeitstellen in DE sucht – und andere Recruiting-Möglichkeiten außen vor lässt. Jedenfalls scheint das Angebot an Vollzeitstellen recht rar zu sein und so wird auch manche medial dringend gesuchte akademische Fachkraft erfolglos bei der Jobsuche sein. Zumal es einen perfekten Arbeitsmarkt mit Vollbeschäftigung defacto gar nicht geben kann, dafür ist unsere Gesellschaft viel zu Vielschichtig und zu sehr im Wandel. Wer heute meint, eine sichere Branche mit einem Ingenieursberuf gefunden zu haben, kann damit schon beim Studienende sich sehr geirrt haben. Doch die wirklich interessante Frage ist doch, gibt es in Deutschland einen wirklichen Fachkräftemangel?

Ich behaupte: Nein. Zumindest gibt es keine chronische Unterversorgung der Unternehmen mit Ingenieuren. Das hehaupte ich nicht, weil ich nicht die 1.500 Vollzeitstellen auf der Hompage des oben genannten Arbeitgebers gefunden habe, sondern wegen dem Steckenpferd aller BWL-Studenten. Statistik. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, Angebot und Nachfrage bilden dabei eine Wechselseitige Beziehung und bestimmen somit auch den Preis. BWL-Studenten und Abiturienten die ihr SoWi-Buch gelesen haben, wissen jetzt das jenes Modell Saysches Theorem heißt. Diese Wechselseitige Beziehung hat aber auch Auswirkungen auf den Preis, also die Löhne.

Kurzum, sollte ein wirklicher Fachkräfte-Mangel bestehen, würden meiner Einschätzuung nach die Löhne in den “Mangel-Berufen” – in der Regel sind das die MINT-Fächer – drastisch ansteigen. Schließlich sprechen wir hier von einem Arbeitsmarkt. Das Wort setzt sich nicht umsonst aus “Arbeit”(-s) und “Markt” zusammen. Zwar ist der Arbeitsmarkt stark reguliert, doch die Löhne können sich nahezu frei bewegen. Nach unten sind diese Löhne je nach Branche zwar durch Tarifbestimmungen abgesichert – ein großer Teil aller Akademiker ist jedoch nicht an einen Tarif gebunden. Nach unten werden die Löhne in Deutschlnad jedoch generell durch HarzIV und ALGI auf einem recht niedrigen Niveau abgesichert, das zumindest existenzsichernd ist. In den IT-Bereich stiegen die Löhne in den vergangenen Jahren beispielsweise nur marginal.
Ein Mangel an Arbeitskräften kann maximal zu derzeit gezahlten Gehältern herrschen – wäre der Markt chronisch mit Arbeitskräften unterversorgt würden die Gehälter steigen, schließlich könnten auch Unternehmen sich gegenseitig qualifizierte Mitarbeiter abwerben.

Das an sich – ist sicherlich nicht lustig. Die mediale Darstellung jedoch schon. “Millionen entgehen der dt. Wirtschaft wegen Fachkräftemangel”, war längere Zeit der gängige Tenor. Aufgrund der Gehaltssituation mancher Akademiker ist das durchaus kritisch zu sehen. Manchmal sollte man fragen unter welchen Bedingungen man in der Wirtschaft die versprochenen Millionen bei entsprechend vorhandenen Fachkräften erwirtschaften kann. Die fetten Jahre sind vorbei, wäre sicherlich ein aussagekräftiger Arbeitstitel für eine Dokumentation darüber.
So – Germany, please trick me twice.